Die verbleibenden Seiten von Thorsten Heyder

Hier ist meine allererste veröffentlichte Kurzgeschichte


Die verbleibenden Seiten von Thorsten Heyder


Die Worte des Arztes hingen noch immer wie dichter Nebel im Raum, doch für ihn hatten sie längst jeden Sinn verloren. Aggressiv. Inoperabel. Wenige Monate. Es war ein Todesurteil, nüchtern und steril verpackt in medizinische Fachbegriffe. Er nickte stumm, nahm seine Jacke und verließ die Praxis.

​Auf der Fahrt nach Hause spürte er weder Trauer noch Wut. Was sich stattdessen in ihm ausbreitete, war eine eiskalte, nackte Panik. Eine Panik, die nichts mit dem Sterben an sich zu tun hatte, sondern mit einer simplen und zugleich grausamen mathematischen Gleichung: Seine Zeit war abgelaufen,die vielen ungelesenen Seiten stapelten sich in seinem Kopf, tausende Welten blieben unentdeckt.


​Er lebte allein. Als er die Tür zu seiner Wohnung aufschloss, rannte er nicht ins Schlafzimmer oder in die Küche. Sein Weg führte ihn direkt in sein Heiligtum,  das Lesezimmer. Die Wände waren bis unter die Decke gesäumt mit Regalen. Tausende Buchrücken starrten ihn an. Werke, die er noch lesen wollte. Reihen, die er beenden wollte. Klassiker, die er sich für „später“ aufgehoben hatte, doch ein

“​Später” gab es ihn nicht mehr.


​Ein keuchender Laut entwich seiner Kehle. Er trat an das erste Regal heran und seine Hände begannen zu zittern. Wie sollte er wählen? Wenn jedes Buch das letzte sein könnte, wie traf man so eine Entscheidung? Er griff nach einem dicken, in Leinen gebundenen Roman, zog ihn heraus und starrte auf das Cover. Zu lang. Er würde Wochen dafür brauchen. Er schleuderte das Buch quer durch den Raum. Es prallte dumpf gegen die Wand. Er griff nach dem nächsten Buch, ein Sachbuch, viel trocken, weg damit.


​Innerhalb von Minuten riss er dutzende Bücher aus den Regalen, warf sie auf den Boden, trat über sie hinweg. Sein Atem ging stoßweise. Das reichte nicht, kein Buch konnte ihn überzeugen.

​Er stürmte zurück zum Auto und fuhr in die Stadt. In der kleinen Buchhandlung, die er sonst mit andächtiger Ruhe betrat, wirkte er wie ein Verfolgter. Er lief durch die Gänge, riss Taschenbücher von den Tischen, stapelte Hardcover in seinen Armen, ohne auch nur die Klappentexte zu lesen. An der Kasse knallte er den Berg vor der verdutzten Buchhändlerin auf den Tresen. Mehrere hundert Euro wechselten den Besitzer. Er wartete nicht auf eine Tüte, sondern trug den wackeligen Stapel zum Auto.

​Kaum zu Hause angekommen, warf er die neuen Bücher zu den alten auf den Boden. Er ließ sich auf seinen Sessel fallen, riss das erste auf und begann zu lesen.

Seite eins. Seite zwei. Seite drei.

Sein Blick raste über die Zeilen, er nahm die Wörter auf, aber die Geschichte erreichte ihn nicht. Sein Kopf schrie ununterbrochen: Ist das gut genug,  verschwendest du gerade deine letzten Stunden hiermit?


Nach acht Seiten klappte er das Buch zu und warf es in die Ecke.

​Nächstes Buch. Er brach den Buchrücken, blätterte hastig. Fünf Seiten. Zu langweilig. Weg damit.

Nächstes Buch. Zehn Seiten. Die Sätze ergeben keinen Sinn. Weg damit.

​Er griff nach seinem Laptop. Während seine linke Hand unruhig auf der Tischplatte trommelte, klickte er sich durch Online-Shops. Bestseller, Neuerscheinungen, Geheimtipps. Er klickte wahllos auf „Kaufen“, „Expressversand“, „Kaufen“. Hunderte von Euro verschwanden im digitalen Äther, doch das Warten auf den Postboten war unerträglich. Die Zeit verrann. Jede Sekunde war ein verlorenes Wort.

​Am nächsten Vormittag stand er erneut in einer anderen Buchhandlung. Er griff wahllos in die Auslagen, legte zwei 100-Euro-Scheine auf den Tisch, murmelte etwas Unverständliches und rannte mit der Beute davon.

​Zu Hause wartete das Chaos. Der Boden seines Lesezimmers war ein Friedhof aus bedrucktem Papier. Aufgerissene Seiten, zerknickte Cover. Er ließ sich mitten in den Berg aus Büchern fallen. Er griff blind nach einem Exemplar, las den ersten Absatz, warf es weg. Er schlug das nächste auf, las eine Seite, riss sie in seiner Hektik fast ein, warf das Buch zur Seite.

​„Schneller“, flüsterte er heiser. „Ich muss schneller sein.“


​Er griff nach einem Thriller, den er sich vor Jahren gewünscht hatte. Er las vier Seiten. Ein Satz blieb in seinem Kopf hängen, doch die Angst, dass das nächste Buch auf dem Stapel noch besser sein könnte, zwang ihn, auch dieses wegzuschleudern.

​Der Rhythmus wurde immer wahnhafter. Aufschlagen. Lesen. Panik. Werfen.

Aufschlagen. Lesen. Panik. Werfen.

​Es war eine Symphonie des Wahnsinns, von raschelndem Papier und fliegenden Einbänden. Bis er plötzlich inne hielt. Seine Hände umklammerten ein kleines, blaues Buch. Er starrte auf die gedruckten Buchstaben, doch sie verschwammen. Die Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht. Egal wie schnell er las, egal wie viel er kaufte, er würde den Wettlauf verlieren. Der Berg war unendlich, seine Zeit endlich.


​Das blaue Buch entglitt seinen zitternden Fingern. Er zog die Knie an die Brust, mitten in diesem Ozean aus unfertigen Geschichten, verpassten Welten und verlorener Zeit. Der Glanz in seinen Augen erlosch und machte einer grenzenlosen Erschöpfung Platz. Er vergrub das Gesicht in den Händen und begann bitterlich zu weinen, während die leisen Seiten um ihn herum eine stumme, endgültige Antwort gaben.


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