Bibliothek des Grauens – Teil 1: Adolf Hitler – Was las der Diktator?

Wir neigen oft zu der romantischen Vorstellung, dass Lesen den Geist öffnet, Empathie fördert und uns zu besseren Menschen macht. Doch was passiert, wenn Literatur auf einen Geist trifft, der nicht nach Erkenntnis sucht, sondern nach Bestätigung für seinen Hass?

Nicht nur große Dichter, Denker und Philanthropen hatten beeindruckende Bibliotheken. Auch historische Schurken haben gelesen. In dieser Reihe werfen wir einen Blick in die Regale derer, die wir aus finsteren Gründen kennen. Den Anfang macht Adolf Hitler.

​War Hitler ein leidenschaftlicher Leser?

​Die historische Forschung, insbesondere durch den Historiker Timothy W. Ryback (Hitler's Private Library), zeichnet ein klares Bild: Ja, Hitler war ein geradezu obsessiver Leser. Seine private Bibliothek umfasste schätzungsweise über 16.000 Bände, verteilt auf seine Residenzen in München, Berlin und den Obersalzberg. Weggefährten berichteten, dass er oft jede Nacht mindestens ein Buch verschlang.

​Doch hier endet die Gemeinsamkeit mit einem wahren Literaturliebhaber. Hitler las nicht, um seinen Horizont zu erweitern. Er scannte sie hastig nach Sätzen, Statistiken und Ideen, die seine bereits zementierte, menschenverachtende Weltanschauung stützten.

​Was stand in Hitlers Bücherregalen?

  • Pseudoscience und Antisemitismus: Bücher wie „Der internationale Jude“ von Henry Ford oder „The Passing of the Great Race“ von Madison Grant gehörten zu seinen ideologischen Grundpfeilern, die er intensiv studierte.
  • Karl May: Hitler war ein fanatischer Anhänger von Karl May, insbesondere von Winnetou. Er empfahl die Taktiken der fiktiven Indianer sogar seinen Generälen als militärische Inspiration – eine bizarre Vermischung von Eskapismus und Realität.
  • Okkultismus und Magie: Ernst Schertels Buch „Magie: Geschichte, Theorie, Praxis“ fand sich mit massiven, handschriftlichen Randnotizen des Diktators, der sich stark für spirituelle Manipulation interessierte.

  • William Shakespeare: Überraschenderweise bevorzugte er Shakespeare gegenüber den deutschen Klassikern Goethe und Schiller. In Shakespeares Dramen sah er eher die germanische „Heldenverehrung“ verwirklicht. 

Weitere bekannte Bücher, die in seiner Bibliothek enthaltenen, waren:

„Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ von Alfred Rosenberg
„Das Kapital“ von Karl Marx
„Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi
"Faust" von Johann Wolfgang von Goethe
"Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe
"Die Räuber“ von Friedrich Schiller

​Der Kontext ist entscheidend

​Bei der Analyse einer solchen Bibliothek müssen wir jedoch differenziert bleiben. Es ist extrem wichtig zu beachten: Dass sich ein Buch in Hitlers Bibliothek befand, bedeutet nicht notwendigerweise, dass er mit dessen Inhalt übereinstimmte oder dass das Buch ihn direkt beeinflusste. Viele dieser Bücher, von philosophischen Abhandlungen bis hin zu Klassikern der Weltliteratur, waren schlicht Teil der allgemeinen kulturellen Strömungen der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und in unzähligen deutschen Haushalten zu finden. Tausende Bände waren zudem reine Staatsgeschenke von Verlagen, Autoren oder Diplomaten, die vermutlich nie von ihm geöffnet wurden.

​Die „Bibliothek des Grauens“ zeigt uns vor allem eines: Ein Buch ist nur so mächtig wie der Geist, der es interpretiert.

Was denkst du darüber? Zerstört es für dich die Magie des Lesens, wenn du weißt, dass literarische Meisterwerke auch in den Regalen von Diktatoren standen, oder beweist es nur, dass Kunst am Ende immer neutral ist?


Kommentar veröffentlichen

0 Kommentare